Heinz-Gert Woschek: Festrede vom 5. September 2002 anlässlich des 200. Jubiläums von Schlossgut Diel Geschichte lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und erfahren. Entweder durch das Studium historischer Annalen, oder die Beschäftigung mit Persönlichkeiten, die man glücklicherweise als Zeitzeugen erlebt.
Wenn ein Weingut sein ehrwürdiges Jubiläum begeht, gibt es zudem die Möglichkeit seine Geschichte auch im Wesen und in der Aussagekraft seiner Weine zu reflektieren, und zwar nicht nur während einer Verkostung, sondern auch im nachhinein auf literarische Weise. Und das klingt dann so:
„Sanfte Opulenz und extravagante Eleganz –was für ein toller Spaß, der wahre Freunde mit dieser Essenz in Erstaunen versetzt.“
„Kein Bodybuilder, groß wie ein Schrank und mit glänzenden Muskeln, sondern eine starke Persönlichkeit, die durch Eigenart und Tiefgang besticht.“
„Gnadenlose Exotik, herausfordernde Fülle und ein sehr erfrischendes Finale.“
Und schließlich:
„Gibt Vollgas und schießt ab wie eine Rakete ohne Rücksicht auf die Dauer des Rennens. Ein Riesenmotor, Turbo und kaum Platz für einen Fahrer im Wagen. Wohin fährt der Wahnsinn?“
Wenn lebenskluge Weinkritiker behaupten, dass Winzer und Weine mit der Zeit in ihrem Charakter sich immer mehr ähneln, dann verlockt es, in diesem euphorischen Beschreibungen einiger Ausleseweinen aus dem Weingut Diel durch einen britischen Journalisten gewisse Parallelen zu den Persönlichkeiten der dafür verantwortlichen Winzerfamilie zu ziehen.
In der mir gebotenen Zeitbeschränkung für einige mehr persönliche Anmerkungen über fast drei Jahrzehnte freundschaftlicher Verbindung zum Hause Diel bleibt für solchermaßen lyrische Überhöhungen freilich wenig Platz.
Ohnehin ist es einem Chronisten kaum möglich, dem gewaltigen Stoff der Diel´schen Familien-Saga auch nur annähernd gerecht zu werden.
Der Verleger sieht hier die ideale Vorlage für ein stimmungsreiches Epos, quasi eine neu aufgelegte Story der Dorsheimer Buddenbrocks, möglicherweise für das Fernsehen in Szene gesetzt, denn telegen sind die Diels nun allemal.
Womit wir bereits bei einem der wichtigsten Aspekte sind, der in der jüngeren Geschichte der Familie und des Weingutes eine ungewöhnliche Rolle spielt: die mediale Wirkung, die von den handelnden Personen und ihrem Schaffen ausgeht.
Das war freilich nicht immer so. Es bedurfte beharrlicher Überredung, um Dr. Ingo Diel und seine Frau Alice Ende der 70er Jahre von der frühen Erkenntnis ihres Sohnes Armin zu überzeugen, dass gute PR der beste Schritt ist um öffentliches Interesse am Produkt und Unternehmen zu wecken.
Um die damaligen Widerstände gegenüber der Öffnung des Hauses Diel für Wein- und sonstige Journalisten zu verstehen, muss man wissen, dass der Hausherr nicht nur, - wie er gerne sagte – ein „braver Winzer“ war (allerdings mit einer beachtlichen Schatzkammer und sonstigen imposanten Segnungen ausgestattet), sondern praktische Forschung von Reb-Neuzüchtungen und sogenannten interspezifischen Rebsorten betrieb. Ein Handwerk, von dem Weinschreiber damals – im Gegensatz zur Weinbaupolitik – keine sonderlich hohe Meinung hatten.
Gleichwohl kam die erste Pressekonferenz im Diel´schen Anwesen zustande, bei der ein allzu nassforsch fragender Pressemann von der resoluten Dame des Hauses fast hinausgeworfen wurde. Dieses letztlich friedlich verlaufende Ereignis markiert allerdings einen Wendepunkt in der Guts- und Familien-Geschichte, der in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden darf.
Blenden wir kurz zurück: 1953 setzte sich Dr. Ingo Diel im Vorwort zu seiner Doktor-Arbeit über die Entwicklung des elsässischen Weinbaus noch mit dem Chancen einer Europäischen Agrar-Union auseinander. Wenige Jahrzehnte später war innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auch die Weinmarktordnung Realität.
Der deutsche Weinmarkt erlebte eine tiefgreifende Umstrukturierung, die auch von stark veränderten Kauf- und Konsumpräferenzen der Weintrinker geprägt war. Die Bevorzugung lieblicher Weine im Stil einer typischen Nachkriegs-Spätlese wich vom Lippen- (und oft weniger dem Gaumen) Bekenntnis für den trockenen Wein.
Ein neu erwachtes kulinarisches Bewusstsein belebte die deutsche Gastronomie. Die Faszination der Reise- und Genusserlebnisse jenseits deutscher Grenzen förderte das Interesse an allem, was zu gutem Essen und Trinken gehörte.
In jenen Jahren begann die Kariere von Armin Diel als Wein- und Gastrokritiker. Der Start fand anlässlich eines einmaligen Ereignisses statt, seine Hochzeitsreise nach Venedig, auf der er mit seiner liebreizenden Braut Monika für die Zeitschrift Bacchus italienische Touristen-Küche unter die Lupe nahm.
Guten Gewissens vertraute ich als damaliger Redakteur des Blattes diesem hoffnungsvollen Nachwuchstalent das Thema an. Die erforderlichen kulinarischen Sachkenntnisse verdankte er wohl nicht zuletzt seiner Mutter, einer großartigen Gastgeberin und begabten Hobby-Köchin.
Außerdem schien Armin Diel eine gehörige Portion Selbstsicherheit zu besitzen, so dass ihn zum Beispiel die Theatralik eines venezianischen Restaurantbesitzers oder das Temperament eines italienischen Kochs nicht so leicht aus der Fassung hätte bringen können.
Diese verblüffende Gelassenheit offenbarte sich für mich erstmals anlässlich eines Besuches in seiner damaligen Junggesellenwohnung auf dem Mainzer Lerchenberg, deren Wände schwarz gerahmte Fotokopien von seinen Schulzeugnissen zierten, die wegen ihrer – vorsichtig gesagt – originellen Noten und erstaunlichen Anmerkungen wirklich lesenswert waren.
Wer so viel Mut zur schonungslosen Selbstdarstellung besitzt, sagte ich mir, den kann in seinem Kritikerleben eigentlich nichts mehr anfechten und erschüttern. Der Umgang mit Noten und Bewertungen wurde allmählich zu Armin Diels zweiter Natur. Er verkostete und beurteilte, lobte und verurteilte frei nach dem Leitspruch von Marcel Reich-Ranicki., der da sagt: Wer als Kritiker keine Feinde hat, ist ein schlechter Kritiker. Armin Diel hatte (und hat?) seine Lieblings-Gegner, Köche und Gastronomen allemal, aber auch Winzer und Kollegen der schreibenden Zunft.
Im Jahre 1982 gesellten sich zu dieser schon bemerkenswerten Ansammlung von Intim- und offenen Feinden eine Spezies, mit der nun wirklich nicht zu spaßen ist: die Juristen. Unter dem Stichwort Westfälischer Friede mochte der Gebildete an den 30-jährigen Krieg, der Freund der Familie Diel vielleicht an die aus Münster in Westfalen stammende Gattin des Juniorchefs und der Restaurantkenner an ein gleichnamiges Lokal denken. In der Rechtsgeschichte steht der Westfälische Friede für eine Aufsehen erregende Prozesskette um eine Restaurantkritik mit Folgen, die beim Bundesgerichtshof ihren Höhepunkt erreichte und wohl erstmalig und durchaus verständlich heftig an Armin Diels Nervenkostüm rüttelte.
Dass die Medien, die sich des pikanten Themas mit Lust, zuweilen auch mit Häme annahmen, auch ansonsten auf recht unterschiedliche Weise ihre Gunst verteilen, durfte der mittlerweile zu Popularität gelangte Kritiker dann des öfteren in den folgenden Jahren erfahren, indem er beispielsweise die Zuschauer eines hiesigen Senders serienweise mit den rheinland-pfälzischen Landgasthöfen bekannt machen durfte, von dem gleichen Sender dann freilich auch als Kritiker auf´s heftigste ins Visier genommen wurde.
Es ist wohl seine verblüffende Mehrfachbegabung, gepaart mit einer zuweilen unbekümmert scheinenden Freimütigkeit, die bei Analysten unter den Medien-, Gastro- und Weinleuten immer wieder Anlass zu tiefschürfenden Gedanken über Armin Diel verursachen.
Um dies zu verstehen, muss man seine zweite Kariere kennen, die 1987 mit der Übernahme der Verantwortung für das Schlossgut Diel von seinem Vater Ingo begann, das er zuvor 34 Jahre souverän leitete. Armin setzte jetzt seine ehrgeizigen und oft mutigen Vorstellungen von Profil und Vermarktung der eigenen Weine um. Dass seine Entscheidungen nicht immer mit den bisherigen Philosophien überein- stimmen müssen, ist bei einem Generationswechsel ja keineswegs ungewöhnlich.
Außergewöhnlich vielmehr ist das nach gelegentlichen Umwegen und Korrekturen inzwischen erreichte Ziel und der damit zu verbuchende Erfolg, der auch von Berufskollegen aller Couleur neidlos anerkannt wird.
Hugh Johnson, die wohl bedeutendste internationale Autorität unter den Weinpublizisten, nennt Armin Diel ein „Multitalent“, das zu den „größten herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Weinszene“ zählt.
Sogar die mit seinem WeinGuide konkurrierenden Autoren sehen in ihm „einen Aktivposten der deutschen Weinszene“ oder attestieren ihm, dass sich das Schlossgut „unter seiner Leitung“ einen Platz unter den absolut besten Betrieben in Deutschland gesichert hat.
Hinter diesen Komplimenten stecken keine verlegenen Schmeicheleien, sondern neidlose Anerkennung für Aktivitäten, von denen einige hier nur kurz als Beleg für ungewöhnliche Ideen und deren phantasievolle Umsetzung erwähnt werden können.
Da gibt es blitzsaubere Weine, die in ihrer Bezeichnung mit dem Wortspiel „Diel de Diel“ kokettieren oder die inzwischen berühmte, in der Spitzengastronomie etablierte Barrique-Cuvée, benannt nach dem Sohn Victor, mit der sich Gedanken an die neue heranwachsende Generation verbinden.
Dass bei ihr das Diel´sche Wein-Erbe künftig offensichtlich in guten Händen liegen wird, mag man zum Beispiel in der engagierten fachlichen Ausbildung von Tochter Caroline sehen, die übrigens jetzt für einige Wochen ihr Oenologie-Studium unterbricht um auf einem der berühmtesten Weingütern der Welt, der Domaine Romanée-Conti, als Praktikantin die Ernte zu begleiten.
Wer solchermaßen fast familiäre Kontakte zu einigen der berühmtesten Weingüter der Welt pflegt, wer eingeladen wird auf Luxuslinern oder in der First Class der Lufthansa seine Weine zu präsentieren, wer seine Kellergewölbe und Lagertanks von einem avangardistischen Künstler bemalen lässt, wer auf seinem Gut Weltstars der Kunst und Kultur auftreten lässt, wer mit seinem Nachbarn im örtlichen Männerchor singt und wem kaum eine Küche eines deutschen Nobel-Restaurants unbekannt ist, der entzieht sich pauschalierenden Beschreibungen und Typologien.
Also geben wir es auf, den Armin Diel in irgendein Format oder eine bestimmte Schublade zu stecken, (aus der er ohnehin wieder herauskäme). Seien wir froh und glücklich, dass es den Armin und alle anderen Diels gibt, so wie sie sind:
- ein Gewinn für das Naheland, - ein Segen für anspruchsvolle Weintrinker, - eine stets erfrischende Familie, die 200-jährige Guts-Tradition ganz auf ihre unnachahmliche Weise fortsetzt. |