Vorwort

Als der Präsident des Regierungsbezirks Coblenz, August Friedrich Freiherr von Hövel, 1899 seine Beamten anwies, in Zusammenarbeit mit den Winzern eine Klassifikation der Weinbergslagen an der Nahe zu erstellen, was schließlich 1901 vollzogen wurde, war ihm wohl kaum bewußt, daß sein Werk fast ein Jahrhundert später eine geradezu verblüffende Bestätigung erfahren würde. Doch genau so kam es: Die aktuelle Lagenklassifikation der Nähe-Weinberge durch die renommierten englischen Weinbuchautoren Hugh Johnson und Stuart Pigott, die 1995 im „Atlas der Deutschen Weine" erschien und in diesem Lagenband dokumentiert wird, gleicht im Ergebnis der Karte von 1901 wie ein Ei dem anderen.

Das mag manchen überraschen, den kundigen Beobachter hingegen keineswegs: Damals wie heute wurde die Qualität des Bodens bewertet, im Kontext mit dem jeweils herrschenden Mikroklima. Die individuelle Leistung des Winzers spielte hierbei allenfalls eine marginale Rolle. Doch ist jedermann klar, daß nur der ehrgeizige und feinfühlige Weinerzeuger aus einem exzellenten Grundprodukt auch einen großen Wein machen wird. Es ist schade, daß weder die Erkenntnisse des Jahres 1901 zu einer Umsetzung in Gesetzesform führten, noch ist zu erwarten, daß dies morgen aufgrund der Resultate des Jahres 1995 der Fall sein wird. Dabei könnte die Naheregion, die lange nur in Kennerkreisen als Herkunft einiger der besten Weißweine der Welt gehandelt wurde, eine solche Botschaft dringlicher denn je gebrauchen. Voraussetzung hierfür wäre freilich, daß die Winzerschaft insgesamt die Notwendigkeit einer solchen Klassifikation erkennt und für eine faire Umsetzung kämpft.

Es ist mir ein besonderes Anliegen, all jenen herzlich zu danken, die das Zustandekommen dieses prachtvollen Bandes erst ermöglicht haben: Zu allererst den Autoren Hugh Johnson und Stuart Pigott sowie Dr. Otto Atzbach, Karl-Heinz Sattelmayer und Gerhard Benz, dem auch die redaktionelle Betreuung des Gesamtwerkes oblag. Stuart Pigott zeichnet auch für die englische Übersetzung verantwortlich, während Wilhelm Stiehl die französische und Franz Saeki die japanische Version erstellten. Die Vorlage für die reproduzierte Karte stammt aus dem Archiv des Weingutes Paul Anheuser in Bad Kreuznach. Ebenso danke ich dem Hallwag-Verlag, mit dessen freundlicher Genehmigung die aktuellen Nahekarten abgedruckt werden konnten, und dem Verlag Matthias Ess, der die hochwertige Herstellung dieses Kartenbandes garantierte. Schließlich danke ich der Sparkasse Rhein-Nahe, ohne deren großzügige Unterstützung dieses Werk kaum hätte realisiert werden können.

 

Armin Diel
Vorsitzender VDP-Nahe

 

 

Die Nahe- Weinbaukarte
von 1901

Gerhard Benz

 

Es gibt einen wesentlichen Grund, warum gerade zur Jahrhundertwende das Interesse an der Herkunft großer Weine in Deutschland so ausgeprägt war: Damals ging es den Winzern gut, die besten hatten es durch Weinbau gar zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Es war die Zeit, als Auslesen von der Nahe international so angesehen waren, daß sie teurer waren als die legendären Premiers Grands Crus aus Bordeaux. Es war die Zeit, als sich Weinhändler in Kreuznach prachtvolle Villen leisten konnten und viele Menschen der Region an der florierenden Weinwirtschaft teilhatten.

Kein Wunder, daß das Interesse der Branche, die Grundlage ihres Wohlstandes zu dokumentieren, zum Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker wurde. Die Winzer und Weinhändler konnten schließlich den Kreuznacher Verleger Harrach dafür begeistern, eine Karte über die Klassifikation der Naheweinberge aufzulegen. Doch es bedurfte erst einer regelrechten Verfügung des Coblenzer Regierungspräsidenten August Friedrich Freiherr von Hövel vom 10. Mai 1899.

Die Behörden konnten auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen. In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts war auch an der Nahe Grund und Boden in seiner Nutzung erfaßt und bewertet worden. Diese Erhebung war die Basis für die Grundsteuer-Veranlagung und wurde in den 60er Jahren fortgeschrieben. Zwar sind die Klassifikationen in Frankreich, etwa die von Bordeaux, Burgund oder dem Elsaß, in aller Munde. Doch heute gibt es keinen Zweifel mehr daran, daß in Deutschland mit der Festsetzung des Einheitswertes für die verschiedenen Lagen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die erste systematische Weinbergsklassifikation der Welt gelang.

Die Preußen haben mit ihrer sprichwörtlichen Gründlichkeit diese Tradition gepflegt. So ist auch die Anweisung des Coblenzer Regierungspräsidenten vom 10. Mai 1899 an den Kreuznacher Landrat Agricola zu verstehen. Der Präsident wollte die Weinbaukarte der Nahe nicht allein auf den Daten der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts fußen lassen: „Da es erwünscht erscheint, daß die Weinbaukarte ein Bild des gegenwärtigen Zustandes biete, so sollen auch die seit jenem Zeitpunkt eingetretenen Veränderungen insoweit Berücksichtigung finden, als sie wesentlicher Natur sind". Der Regierungspräsident regte dazu die Mitarbeit der Bürgermeister an, die „sich zweckmäßig mit Weinbausachverständigen in Verbindung setzen sollen". Vom Königlichen Katasteramt zu Kreuznach kam der Vorschlag, „daß aus jeder Gemeinde ein wohl instruierter, mit den örtlichen Verhältnissen genau vertrauter tüchtiger Landwirt an der Hand der Katasterkarte hier auf dem Bureau Auskunft erteilt, die Angaben würden als dann sofort in den betreffenden Karten vermerkt." Aus der Grundsteuer-Karte wurde somit unter Beteiligung des Berufsstandes eine echte Klassifikation der Weinberge an der Nahe.

Es zeigte sich bald, daß bis zur Realisierung des Projektes einige Hürden zu nehmen waren. Die höchste war die Zersplitterung des Gebietes in mehrere Herrschaftsbereiche, eine Tatsache, die über viele Jahre die Bildung einer eigenständigen Weinbauregion Nahe verhindert hat. Aus dem Königreich Bayern mußten Gemarkungspläne aus den Vermessungsbezirken Obermoschel und Winnweiler angefordert werden zur Darstellung der Flächen südlich der Nahe und im Alsenztal. Der Generalquartiermeisterstab des Großherzogtums Hessen steuerte Zeichnungen der rechts der Nahe gelegenen Flächen bei. Doch blieben die Angaben aus beiden Länder unvollständig. Auf der Karte selbst heißt es dazu: „Die Weingärten des bayrischen und hessischen Gebiets sind nur der Fläche nach dargestellt; eine Unterscheidung nach Wertklassen ist wegen Schwierigkeit der Ermittlungen nicht vorgenommen". Im Königreich Preußen waren allein vier Katasterämter zuständig: Kreuznach, Stromberg, Sobernheim und Meisenheim. Zwei kleine Enklaven im westlichen Teil (Fürstentum Birkenfeld und Regierungsbezirk Trier) runden die Palette der Zuständigkeiten ab.

Bei alledem kann man nicht genug bewundern, was die preußischen Beamten doch zuwege brachten. Es gelang ihnen offenbar eine umfassende Klassifikation der Nähe-Weinberge, die bis zum heutigen Tage volle Gültigkeit hat. Bei näherem Hinsehen fällt nämlich auf, daß die damals in die höchste Wertklasse eingestuften Weinberge auch heute noch unter Kennern das höchste Ansehen genießen. Das geht quer durchs Anbaugebiet: Monzinger Frühlingsplätzchen und Halenberg, Schloßböckelheimer Felsenberg (Kupfergrube gab es vor 100 Jahren noch nicht). Niederhäuser Hermannshöhle (Hermannsberg gab es noch nicht), Norheimer Kafels und Dellchen, Traiser Rotenfels (heute Bastei), Münsterer Felseneck, Kreuznacher Kauzenberg, Krötenpfuhl und Brückes, Guldentaler Hipperich, Langenlonsheimer Löhr(er Berg) und Rothenberg, Dorsheimer Goldloch, Pittermännchen und Burgberg sowie Münsterer Dautenpflänzer und Pittersberg - alle diese Spitzenlagen waren damals bereits als l. Klasse-Weinberge verzeichnet.

Eingestuft wurde übrigens in drei Klassen: Weinberge, die bei der Grundsteuer-Regelung zwischen 15 und 120 Silbergroschen pro Morgen eingeschätzt wurden, in der mittleren Kategorie jene im Wert von 150 bis 240 Silbergroschen und darüber hinaus die besten Lagen im Bereich zwischen 360 bis 600 Silbergroschen. Auf der Nähe-Karte von 1901 sind die drei Wertklassen farblich abgestuft dargestellt: Die einfachen Weinberge sind am schwächsten, die Spitzenlagen am stärksten eingefärbt. Die meisten Veränderungen sind im Grenzbereich der Gemeinden zu verzeichnen. Vor allem die Stadt Kreuz nach hat sich im Vergleich zu 1900 stark ausgedehnt.

Ehedem als erstklassig eingestufte Weinberge im Süden der Stadt, wie Schönefeld, Hasenrech oder Monau sind längst dem Wohnungsbau gewichen. Ebenso im Norden, wo die herausragenden Lagen Hofgarten und Steinweg heute nicht mehr existieren. Wesentliche Veränderungen hat auch die Lagenreform Anfang der 70er Jahre gebracht, als viele kleine Weinberge unter dem Namen von bekannteren Nachbarlagen zusammengefaßt wurden.

Die Finanzierung der Karte war übrigens alles andere als einfach. Im Briefwechsel der Behörden gibt es deutliche Parallelen zur Gegenwart. Die Anfertigung der Zeichnungen sollte 750 Goldmark kosten - eine immense Summe. Die Handelskammer zu Koblenz hat davon den Löwenanteil von 500 Mark übernommen. Den Rest von 250 Mark sollte auf Bitte des Regierungspräsidenten der Kreis Kreuznach übernehmen. Landrat Agricola dachte nicht daran - und schickte Bettelbriefe an verschiedene Adressen. Der Weinhändler-Verein rang sich schließlich zu 50 Mark Beitrag durch - immerhin habe man an die Handelskammer bereits die gleiche Summe für das Projekt abgeführt, klagte Vorsitzender Julius Stoeck. Der Chef der „Landwirtschaftlichen Abtheilung", Jean Winkler, wies das Ansinnen Agricolas hingegen brüsk ab. Stattdessen traf der Landrat aber bei der Kreuznacher Stadtverordnetenversammlung auf Gehör und bekam 225 Goldmark bewilligt.

Am 10. Juli 1901 schließlich meldete der Regierungspräsident die Fertigstellung der Karte. Sie konnte zum Preis von 3 Mark beim Verlag erworben werden. Obwohl Harrach dem Festausschuß des 20. Deutschen Weinbaukongresses, der im September in Kreuznach stattfand, die Karte zum halben Preis anbot, lehnte dieser ab. Landrat Agricola leitete auch diesmal die dringende Bitte aus Koblenz, die Chance zur Werbung für die Nahe doch nicht zu verspielen, an die Stadt weiter - die erneut die Kosten übernahm. So kamen die auswärtigen Teilnehmer des Kongresses doch noch in den Besitz der ersten offiziellen Klassifikation der Naheweinberge.

 

 

Historische Chance
jetzt nutzen

Hugh Johnson

 

Leider wurde bislang nie eindeutig definiert, was einen großen deutschen Wein ausmacht. Dabei wäre eine Klassifikation gerade in den deutschen Weinbauregionen am nötigsten: Das Weingesetz hat große Verwirrung gebracht. Nirgends sonst läßt die Vielfalt der Bezeichnungen die Verbraucher ratloser zurück, obschon oder gerade weil deutsche Etiketten über alles und jedes informieren wollen. Ich frage mich, ob es irgendwann einmal einen Lehrstuhl für das Studium des deutschen Weines gibt, wo er doch von klarer Diszipliniertheit bis zu tiefer Unergründlichkeit alles bietet, um akademische Geister zu reizen.

Die bekannteste und berühmteste Klassifikation, wenn auch nicht die erste, ist jene von Bordeaux aus dem Jahr 1855, die bis zum heutigen Tag Bestand hat. Jedoch scheint mir für Deutschland in vielerlei Hinsicht das Modell von Burgund realistischer zu sein, bei dem allein die Weinbergslagen bewertet wurden. Auch das jüngste Beispiel im Elsaß zeigt, worauf es meiner Meinung nach ankommt: Eine Klassifikation kann nur erfolgreich sein, wenn man den menschlichen Faktor unberücksichtigt läßt. Man muß den Boden klassifizieren und nur den Boden. Dann aber natürlich in Verbindung mit den Trauben, die darauf erzeugt werden, was im Elsaß leider vernachlässigt wurde. In Deutschland hingegen sollten die Rebsorten für klassifizierte Weinberge viel exakter definiert und selbstverständlich mit strengen Ertragsbegrenzungen verknüpft werden.

Alles in allem wird es in Deutschland viel einfacher sein: Die besten Weinberge sind seit Jahrhunderten bekannt und liefern bis zum heutigen Tag herausragende Weine. Besonders in den nördlichen Weinbaugebieten haben die Winzer immer schon die besten Standorte im Blick gehabt und besonders gepflegt. Alte Karte die bereits Bewertungen von Lagen enthalten, liefern hierfür eindrucksvolle Beweise.

Viele Weinbauregionen in aller Welt erheben heute den Anspruch, das Beste zu erzeugen. Diesen Wettbewerb werden die deutschen Winzer nur dann erfolgreich bestehen, wenn sie dem Verbraucher auf dem Etikett die Bedeutung ihrer Weinberge klarmachen. Dazu ist eine Klassifikation unabdingbar. Im Elsaß ernten die Winzer schon die ersten Früchte: Die Öffentlichkeit weiß nun, daß es dort eine Menge Grands Crus gibt. Daraus schließt man ganz allgemein, daß im Elsaß große Weine erzeugt werden. Die offizielle Einstufung von Weinbergen als Grands Crus hat insgesamt das Ansehen dieser Anbauregion deutlich erhöht.

Ich kann dieses Verfahren den Winzern an der Nahe nur zur Nachahmung empfehlen.


Ein Wegweiser zu den deutschen Grand Crus ist der „Atlas der deutschen Weine" von Huqh Johnson und Stuort Pigott. Die beiden Autoren zeigen, wo besten Weine wachsen und legen erstmals eine Klassifikation der Weinberge vor. Ihre begründeten Vorschläge sind festgehalten in detailreichen Karten, zwei davon für die Nahe. Ergänzt wird der Atlas, der vor zehn Jahren Premiere hatte und jetzt in der 5., völlig überarbeiteten Auflage erscheint, durch Beschreibungen der Winzer-Elite und herrliche Bilder von Armin Faber.
 

Hugh Johnson/Stuort Pigott: „Atlas der deutschen Weine". Erschienet  im Hallwag-Verlag 1995, Z3Z Seiten.

 

 

Ein Füllhorn
von Spitzenweinen

Karl-Heinz Sattelmayer

 

Seit der Gründung der Staatlichen Weinbaudomäne durch die Preußen zur Jahrhundertwende war der Aufbau eines Weinbergsbesitzes, der an der Nahe seinesgleichen suchte, das wichtigste Ziel der Verantwortlichen. Mit der Anlage der Schloßböckelheimer Kupfergrube und des Niederhäuser Hermannsbergs war unter enormem Aufwand an Menschenkraft und Geldmitteln der Grundstein gelegt worden für zwei außergewöhnliche Weinberge, die heute den Rang von Kulturdenkmälern beanspruchen können, wie auch andere Spitzenlagen an der Nahe.

Ich empfand es schon als Privileg, mehr als ein Vierteljahrhundert Weine aus einer beispiellosen Ansammlung von Spitzenlagen der Nahe ausbauen zu können. Nach einiger Zeit wurde ich auch mit den Stärken und Eigenarten der jeweiligen Weinberge vertraut. Das verführte uns aber nicht dazu, bestimmten Lagen unveränderliche Merkmale zuzuordnen. Vielmehr geriet jede Jungweinprobe aufs Neue zu einer prickelnden Konkurrenz der Spitzenweine. Die Spannung bestand gerade darin, ob es ein Wein aus einer vermeintlich schwächeren Lage schaffen würde, einem der Klassiker die Krone streitig zu machen - etwa vergleichbar dem Reiz bei einer Verkostung hochwertiger Burgunder, ob ein Premier Cru die Grands Grus in den Schatten stellt.

Durchaus zutreffend ist die immer wieder bemühte Beschreibung, in Naheweinen vermählten sich die besten Eigenschaften Rheingauer und Moselaner Spitzenweine. Beim Vergleich mit Rheinweinen allerdings waren viele Fachleute immer wieder erstaunt: Die besondere Frucht und Würze der Naheweine hatten sie nicht für möglich gehalten. Bei der Suche nach dem idealen Riesling haben wir uns aber eher vom Typ des rassigen, feinfruchtigen Moselweins leiten lassen. Willkommen war uns dabei der natürliche Vorzug des NaheRieslings, der meist etwas gehaltvoller ist.

Vor allem die Jahrgangsunterschiede prägen den Charakter der Weine ganz entscheidend. Eine wesentliche Eigenschaft der besten Lagen scheint mir zu sein, daß sie neben außergewöhnlichen edelsüßen Gewächsen gerade auch bei „kleineren" Weinen erstaunliche Qualitäten hervorbringen. Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit fällt mir hierzu der 1962er Niederhäuser Hermannshöhle Riesling natur ein, der Mitte der 60er Jahre einer hochrangigen Delegation des Internationalen Weinamts ebenso vorzüglich schmeckte wie 20 Jahre später dem bekannten elsässischen Weinmacher Jean Hügel. Überhaupt brachten die 60er Jahre ein ganzes Füllhorn an Spitzenweinen hervor. 1964 zum Beispiel gab es eine Reihe mustergültiger Auslesen, der großartige Jahrgang 1966 lieferte langlebige Spätlesen mit Schliff und von edler Statur, während die 67er Auslesen geradezu klassisch und nobel erschienen mit hochfeinem Beerenton. Krönung des Jahrzehnts bilden die absolut reintönigen und feinrassigen Weine des Jahrgangs 1969.

Das Jahr 1970 erbrachte finessenreiche Auslesen, während 1971 durch eine Fülle hochreifer Spitzenweine herausragte. Der Jahrgang 1975 bescherte uns bei hoher Reife mustergültige filigrane Gewächse. Der nachfolgende Jahrgang 1976 zählt zu den Jahrhundertjahrgängen an der Nahe mit einer Vielzahl edelsüßer Spitzenweine. In den 80er Jahren konnten vor allem die 83er Weine an diese Leistungen anknüpfen mit einer Fülle langlebiger, klassischer Rieslinge aus den besten Lagen.

 

 

Die Lehre
aus der Geschichte

Stuart Pigott

 

Seit 1985 gibt es in der deutschen Weinszene eine stürmische Debatte über das Für und Wider einer Klassifizierung der Spitzen-Weinbergslagen der Nation. Einer der positiven Aspekte dieses Streits ist die Wiederentdeckung der Tradition der Weinbergsklassifizierung in Deutschland, einer beinahe in Vergessenheit geratenen rühmlichen Seite der deutschen Weinkultur. Bis vor einigen Jahren war sich nahezu niemand der Tatsache bewußt, daß die Geschichte der offiziellen Lagenklassifizierung weiter zurückgeht als die berühmte Einteilung der führenden Schlösser des M6doc in Bordeaux 1855. Bereits 1816 unternahm die Königlich Preußische Regierung diesbezügliche Anstrengungen für die Anbaugebiete westlich des Rheins. Die Karten, die auf der Grundlage dieser Informationen in späteren Jahrzehnten veröffentlicht wurden - unter ihnen als wichtiges Beispiel die Nahe-Weinbaukarte - belegen die Exaktheit, mit der damals gearbeitet wurde.

Die Faksimile-Ausgabe dieser Karten ist nicht nur in sich selbst bedeutend, sie läßt auch die Diskussion über die Klassifizierung der deutschen Lagen in ganz neuem Licht erscheinen. Bis jetzt dreht sich diese Debatte um die Kriterien für eine solche Klassifizierung. Gegner beharren darauf, es sei unmöglich. Maßstäbe und Methoden zu finden, die eine gerechte und objektive Einstufung der Weinberge frei von jeglichem Einfluß kommerzieller Interessen gewährleisten würden. Darüber hinaus wird häufig behauptet, Deutschland sei gerade im Hinblick auf seine weinbaulichen Traditionen nicht mit Frankreich vergleichbar und Weinlagenklassifizierungen entbehrten hier jeglicher historischer Grundlage. Das Prädikatssystem in Verbindung mit der geprüften Qualität im Glase sei vielmehr Deutschlands maßgeschneiderte Form einer Weinklassifizierung. Die historische Lagenkarte von 1901 beweist, daß die hierarchische Einteilung von Weinbergslagen einen essentiellen Teil der weinbaulichen Tradition in Deutschland darstellt, sie liefert sogar eine sehr überzeugende Antwort auf die Frage nach der Durchführbarkeit einer Klassifizierung der deutschen Lagen zur heutigen Zeit. Die angeblich unüberwindlichen Probleme sind mit dieser historischen Karte als Grundlage einer neuen Klassifizierung nahezu bewältigt.

Selbstverständlich hat sich die Welt seit 1901 enorm verändert. Das Qualitätspotential von Weinbergslagen, die in früheren Jahrhunderten zur Erzeugung von Spitzenweinen angelegt wurden, ist jedoch seitdem beinahe identisch geblieben. Bei einem Vergleich der Lagenklassifizierungskarten im 1995 erschienenen „Atlas der deutschen Weine" mit der Weinbau-Karte von 1901 sind die Übereinstimmungen offensichtlich.

Bedauerlicherweise entspricht die Sorgfalt, mit der die Preußische Regierung ihre Lagenklassifizierung unternommen hat, in keiner Weise mehr dem heutigen Verhalten bei der Zuordnung von Weinbergslagen in Deutschland während der letzten Jahrzehnte. Das gegenwärtige deutsche Weingesetz gestattet für viele einfache Weine aus minderwertigen Lagen Bezeichnungen und Namen, die einst zu den berühmtesten der gesamten Weinwelt zählten; ganz zu schweigen von den Großlagen- und Bereichsbezeichnungen. Dies macht für den Konsumenten die Unterscheidung zwischen deutschen Weinen der höchsten Qualität und ordinären Alltagsgetränken äußerst schwierig. Eine Klassifizierung der Nahelagen auf der Basis der Weinbau-Karte von 1901 würde diesem Mißstand für eines der bedeutendsten deutschen Weinbaugebiete abhelfen und einen entscheidenden Schritt darstellen, um den Weinen dieser Region und ganz Deutschlands zu dem Ansehen zu verhelfen, welches sie fraglos verdienen.

 

 

Die einzigartige Bodenvielfalt
der Nahe

Dr. Otto Atzbach

 

Das Anbaugebiet Nahe nimmt flächenmäßig zwar nur einen eher kleinen Anteil der rheinland-pfälzischen Weinbergsfläche ein, doch ist es aufgrund der geologischen Vielfalt seiner Böden fraglos eines der interessantesten Gebiete dieses für den Weinbau so bedeutenden Bundeslandes.

Die Weinberge erstrecken sich vom südlichen Rand des Rheinischen Schiefergebirges bis in die Nähe-Seitentäler von Alsenz und Glan. An der Unteren Nahe findet man zwischen Wallhausen und Bingerbrück devonisches Gestein. Es handelt sich um Phyllite, Grünschiefer und Quarzite der metamorphen Vorsoonwald-Serie. Dies sind die klassischen Riesling-Standorte.

Im überwiegenden Teil der Naheregion stehen Gesteine des Rotliegenden an. Zwischen Münster-Sarmsheim und Monzingen prägen rote Konglomerate und Sandsteine des Oberrotliegenden die Weinbergsböden. An der mittleren Nahe zwischen Bad Kreuznach und Sobernheim und in den Seitentälern von Alsenz und Glan sind sowohl Sedimente des Unterrotliegenden als auch oberrotliegende Magmatite (Rhyolithe bis Andesite) das Ausgangsgestein für die Bodenbildung in den Hanglagen. Außergewöhnlich sind die hochgeschleppten Schollen karbonischen Ursprungs bei Niederhausen und Oberhausen. Die Vulkanverwitterungsböden zwischen Bad Münster und Schloßböckelheim bilden seit altersher ein Zentrum des Rieslinganbaus an der Nahe.

Die tertiärzeitlichen Ablagerungen des Mainzer Beckens, die vor Jahrmillionen den heutigen Naheraum überdeckten, treten in fast allen Gemarkungen bodenbildend auf. Es sind vor allem Meeressande und Kiese am Westrand des Mainzer Beckens, aber auch die Mergel und Tone des Oligozäns, die in küstenferneren Gebieten abgelagert wurden und heute den Unterboden vieler Rebflächen bilden. Diese Vorkommen sind der typische Standort des Silvaners.

Die quartärzeitlichen Terrassenschotter der Nahe und ihrer Seitenbäche kommen in allen Gemarkungen vor und sind hier oft mit Reben bepflanzt. Auch an der Nahe sind Böden auf Löß und Lößlehm weit verbreitet und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in allen Gemarkungen vertreten. Dort fühlen sich Weiß- und Grauburgunder besonders wohl.


 


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