Dr. Friedrich Schmitt:
Festrede vom 5. September 2002
anlässlich des 200. Jubiläums von Schlossgut Diel


Wenn ein Weingut nachweislich 200 Jahre lang sich kontinuierlich im Eigentum
der gleichen Familie befindet und als Weingut aus den kleinsten Anfängen zum heutigen
Stand geführt wurde, ist das mit Sicherheit ein Grund zum Feiern, was in den nächsten
Tagen ausgiebig geschehen wird. Es ist aber auch ein Grund an den Anfang zu erinnern,
was hier und heute meine Absicht ist. Vor 200 Jahren am 11. September 1802 kaufte der
Ur-Ur-Ur-Großvater des heutigen Eigentümers, nämlich Johann Peter Diel,  vom
Freiherrn Wolfgang Heribert v. Dalberg die Burg Layen und dessen Grundbesitz
in den umliegenden Gemarkungen. Der Kaufvertrag wurde in französischer
Sprache vor dem Notar Franz Josef Potthoff  in Kreuznach abgeschlossen.

Der Verkauf dieses adeligen Gutes hat einen interessanten
historischen Hintergrund, den ich kurz darstellen möchte:

Bekanntlich hatte Frankreich seit 1796 das gesamte linke Rheingebiet besetzt und dort
auch die französischen Revolutionsgesetzte eingeführt. Danach wurden der gesamte Adel,
die Kirche und die Klöster entschädigungslos enteignet. Die beschlagnahmten Besitztümer
wurden am 1803 meistbietend zudunsten der französischen Staatskasse verkauft.

Aus den erhaltenen Akten ist nicht ersichtlich, auf welche Weise es dem
Freiherrn v. Dalberg gelungen war, vor dem allgemeinen Verkauf über sein beschlag-
nahmtes Layener Eigentum  zu verfügen. Im Notariatsvertrag ist lediglich die Rede von
 der  Aufhebung des Sequesters durch die französische Regierung. Soweit mir bekannt,
ist das in der hiesigen Gegend sonst niemandem gelungen.

Von einem ausgesprochenen Weingut, das Johann Peter Diel vor 200 Jahren
gekauft hat, konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. Wie damals im
Nahegebiet allgemein üblich, handelte es sich um einen landwirtschaftlichen Mischbetrieb
mit Schwerpunkt auf Ackerbau und Viehzucht. Die Erzeugung von Wein diente lediglich
der Eigenversorgung. Wiesen und Weiden waren notwendiger als Weinberge.

Entsprechend der Entwicklung im unteren Nahegebiet verlagerten die
Inhaber des Schlossguts in der Folgezeit den Schwerpunkt ihres Betriebes immer
stärker auf den Weinanbau und auf die Ausweitung der Weinanlagen.

Besonders zu nennen in der Entwicklung des Schlossgutes zu einem ausgesprochenen
Weingut  ist der politisch sehr engagierte Jacob Diel. Er musste nach dem frühen Tod seines Vaters  schon als 16-Jähriger in den Betrieb einsteigen und führte ihn zusammen mit
seiner Mutter in  den schweren Krisenjahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Neben seinem Einsatz für die Erneuerung und damit für den Wiederaufbau der
Weinberge nach der Krise im Naheweinbau um 1900 war Jacob Diel von 1921 bis
zur Auflösung 1933 Mitglied der Zentrumsfraktion im Preußischen Landtag. Nach der
Zwangspause von der Politik während der N.S. Herrschaft war Jacob Diel von 1947
bis 1957 Abgeordneter der CDU im Landtag von Rheinland-Pfalz und dessen erster
Präsident. 1957 wechselte er in den Bundestag, dem er bis 1961 angehörte.

Da das Weingut Diel unter dem Namen Schlossgut firmierte, ist es angebracht,
bei der Rückschau auch einen Blick auf die Geschichte der Burg selbst zu werfen. Selbst für
kompetente Heimatforscher liegt die Geschichte der Burg noch weitgehend im Dunkeln.

Die Burg Layen wurde im Mittelalter fast ausschließlich als Schloss bezeichnet.
Der erste urkundliche Hinweis auf das Schloss befindet sich in einem Güterverzeichnis
aus der Zeit um 1200. Danach ist der Besitz des Schlosses umstritten zwischen zwei
adligen Familien, nämlich den Rheingrafen, die damals noch auf der rechten Rheinseite,
im heutigen Rheingau ansässig waren., und den Herren von Bolanden, die vom Gebiet
des Donnersbergs stammten und über ausgedehnte Besitzungen im Nahegebiet verfügten.
Beide Familien waren miteinander verschwägert. Aber damals wie auch noch heute
gab es unter Verwandten oft Streitigkeiten über Besitzansprüche.

Es sind bisher keine Hinweise gefunden worden darauf, wer die Burg gebaut
hat und zu welchem Zweck sie in dem abgelegenen Trollbachtal errichtet wurde. Vielleicht
geht man nicht fehl, wenn man vermutet, dass die Rheingrafen sie dort angelegt haben
zum Schutz der Wegeverbindung vom Rheingau über Bingen nach Windesheim.
Windesheim gehörte zu den Besitzungen der Rheingrafen.

Jedenfalls befand sich das Schloss Layen um 1250 fest in der Hand der
Bolander. Nach deren Aussterben ging es dann schließlich um 1400 an die
Grafen und späteren Fürsten von Nassau-Saarbrücken über, die die Lehnsherren
des Schlosses bis zur Aufhebung des Adels durch die Franzosen 1796 waren.

Im Mittelalter war es allgemein üblich, dass der Lehnsherr einer
Burg niedere Adlige als Burgherren einsetzte, die in der Burg wohnten
und in seinem Auftrag die dazu gehörende Herrschaft ausübte.

So auch auf Schloss Layen. Im Laufe der etwa 600-jährigen Geschichte des
Schlosses wohnte eine Vielzahl von adligen Familien im Schloss Layen, die gemeinsam
die Herrschaft über das Dorf Rümmelsheim ausübten. Diese Herrschaft bestand in der
Ausübung der Gerichtsbarkeit und in der Einziehung der damals üblichen Abgaben.
Dafür standen die Dorfbewohner unter dem Schutz der Burgherren.

Von den zahlreichen adligen Familien auf Schloss Layen möchte ich nur vier
nenne, die längere Zeit auf dem Schloss herrschten. Das waren die Familien v. Leyen,
Fust v. Stromberg, v. Eltz und Ullner v. Dieburg. Im Laufe der Zeit hatten diese
Familien beträchtlichen Grundbesitz in den umliegenden Gemarkungen erworben.

Wie kam nun der schon erwähnte Heribert v. Dalberg in den Besitz
des Schlossgutes, das er 1802 an Johann Peter Diel verkaufte?

Heribert v. Dalberg hatte in eine der Burgherrenfamilien, nämlich in
die Familie der Ullner v. Dieburg, eingeheiratet. Nachdem der letzte männliche
Spross der Ullner im Jahre 1771 gestorben war, gingen dessen Herrschaftsrechte an
Schloss Layen und der Grundbesitz an den Freiherrn v. Dalberg über, der dann das
gesamte Besitztum nach Aufhebung der Beschlagnahme durch die Franzosen
an seinen bisherigen Pächter Johann Peter Diel verkaufte.

Gelegentlich wird behauptet, das Schloss Layen sei ein Raubritternest
gewesen. Dafür gibt es weder in Urkunden noch in zeitgenössischen Berichten
einen Beleg. Der Eindruck eines Raubritternestes könnte dadurch entstanden sein,
dass nach dem Verfall des Schlosses während und in der Zeit nach dem Dreißigjährigen
Krieg  die Schlossgebäude nicht mehr von den Familien der Burgherren, sondern „von lauter Lumpengesindel“ bewohnt wurde, das sich von Raub, Holzstehlen und Besenbinden
ernährte“, wie es in einem amtlichen Zustandsbericht von 1772 hieß.

Da das Schlossgut Diel heute ausschließlich ein Weingut ist, möchte ich zum
Abschluss kurz auf die Geschichte des Weinbaus im Nahegebiet eingehen.

Nach übereinstimmender Meinung der Forscher geht der Weinanbau an der Nahe
auf die Römerzeit zurück. Bodenfunde im Schlossparkmuseum in Bad Kreuznach zeigen,
dass schon vor fast 2000 Jahren Wein hier angebaut wurde. Urkundlich nachweisbar ist
der Weinbau erstmals um 800, also z. Zt. Karls des Großen, als aus vielen Dörfern im
Nahegebiet Weinberge dem Kloster Lorsch bei Worms geschenkt wurden.

Auch im Bereich um das Schloss Layen wurde im Mittelalter Wein
angebaut, wie aus dem Vertrag zum Burgfrieden um 1400 hervorgeht.
Einen schweren Rückschlag erhielt der Naheweinbau im Dreißigjährigen Krieg,
weil wegen der Kriegshandlungen die Weinberge nicht bearbeitet werden konnten.
Sie mussten nach dem Krieg neu angebaut werden. Dabei legte man mehr Wert
als bisher  auf eine bessere Qualität des Weines. So wurde 1669 in Burg Layen
erstmals im Nahegebiet die höherwertige Rieslingrebe angepflanzt.

Nach der Franzosenzeit, also nach 1815, begann der Aufschwung und
die Ausweitung des Weinanbaus an der Nahe, allerdings unterbrochen durch
eine schwere Krise um 1900. Diese Krise war verursacht worden durch das
Auftreten der Reblaus, die ganze Weinberge vernichtete, und durch die Ausbreitung
 von Blattkrankheiten, für die es nur unzulängliche Bekämpfungsmöglichkeiten gab.
In zäher Arbeit und mit staatlicher finanzieller Hilfe konnte durch Flurbereinigung,
Umstellung auf reblausresistente Reben und moderne Wingertsanlagen
diese Krise überwunden werden. Damit waren die Grundlagen gelegt
für die Entwicklung des Nahelandes nach dem Zweiten Weltkrieg zu
einem Weinland mit hohen Qualitätserzeugnissen.

Das Schlossgut Diel hat an dieser Entwicklung hervorragenden
Anteil, besonders der schon genannte Jacob Diel. Mögen die nachfolgenden
Generationen der Familie sich der aus der Geschichte des Schlossgutes
erwachsenen Verpflichtung stets bewusst sein.
 

 

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