Friede, Rotwein, Tralala

Jahrelang herrschte Feindschaft zwischen Armin Diel, dem Chefredakteur des "Gault Millau Wein Guide Deutschland", und dem legendären Werner Näkel, der Politiker aller Parteien mit herrlichem Spätburgunder versorgt. Doch zum Jahresende wurde das Kriegsbeil begraben. Prost!

Von Martin S. Lambeck

Das ist der Albtraum des deutschen Winzers: Die Mercedes-Limousine rollt auf dem Hof des Weingutes aus, ein beleibter älterer Herr steigt nebst Gattin aus dem Wagen und schwenkt den neuen Gault Millau Wein Guide. Dann zeigt er auf jene Seite, auf der das Gut beschrieben ist und fragt forsch: "Warum sind Sie in der Bewertung abgestiegen?"

Kaum ein Buch in der deutschen Weinwelt löst Jahr für Jahr so gegensätzliche Gefühle aus wie der seit 1994 erscheinende Gault Millau Wein Guide Deutschland. Manchem Weinliebhaber ist das robuste Buch zu einer Art Bibel geworden. Wer hier zum Aufsteiger wird, der kann seinen Gewinn erheblich steigern. Wer hier als Absteiger bewertet wird, muss zuweilen bittere Einbußen hinnehmen. Ungerechte Beurteilungen lassen Wut wachsen. Am schlimmsten aber ist es für ein deutsches Weingut, hier nicht einmal unter der Rubrik "Weitere empfehlenswerte Betriebe" erwähnt zu werden.

Chefredakteur und Motor dieses Führers durch den deutschen Wein ist Armin Diel. Das Problem: Diel macht selbst ausgezeichneten Wein und ist Herr auf Burg Layen (Nahe). Wenn der Mann Wein bewertet, dann ist das also ungefähr so, als ob der VW-Vorstandsvorsitzende in einer Autozeitschrift Testberichte über Opel schreiben würde. Hinzu kommt eine gewisse Dominanz des Armin Diel. Bei ihm steppt der Bär im Kettenhemd, er nimmt kein Blatt vor den Mund, äußert dröhnend und in bester Laune seine Meinung, stampft Kritisierte in Grund und Boden, um ihnen dann auch noch aufmunternd auf die Schulter zu schlagen.

Ein Sonnenschein, den nicht jeder mag. Ein Autor mit einer krachend lauten Fassade, hinter der sich in Wahrheit Nachdenklichkeit und eine nachgerade weibliche Sensibilität verbergen. Aber selbst jene, die den Mann am liebsten mit den Ohren an die Wand nageln würden, sprechen ihm eins nicht ab: profunde Weinkenntnis. Die im Gault Millau aufgeführten Mit-Verkoster haben nicht viel zu melden.

Bei aller Kritik am Gault Millau Wein Guide hat sich das Buch deshalb über die Jahre hinweg als Kompass im deutschen Wein etablieren können. Der Gault Millau führt streng gegliedert und übersichtlich die einzelnen Weinbauregionen mit insgesamt rund 660 Weinerzeugern auf. Rund 4500 Weine werden bewertet. Da der Wein Guide von Diel streng subjektiv geschrieben wird, bereiten ihm grobe Ungerechtigkeiten gegen missliebige oder nach seiner Auffassung zu selbstbewusste Winzer diebische Freude. Festzuhalten gilt aber: Ein Winzer, der von Diel als gut bewertet wird, ist ganz einfach gut. Und einer, der wirklich schlecht ist, steht gar nicht erst im Wein Guide. Da ist Diel völlig unbestechlich. Und: Das Buch ist kein Hochglanz-Werbekatalog für Weingüter, sondern ein wirkliches Fachbuch, das beurteilt, beschreibt, Tipps zu den deutschen Wein-Kulturlandschaften gibt, Stellung bezieht.

Im aktuellen Gault Millau Wein Guide für 2004 (Christian Verlag, München. 784 S., 28 Euro ) ist nun etwas ganz Ungewöhnliches geschehen. Zum "Winzer des Jahres" wurde von Armin Diel ein Mann gekürt, mit dem er stets in einem besonderen Spannungsverhältnis gestanden hat. Der Ahr-Winzer und deutsche Rotweinstar Werner Näkel ist eine ähnlich dominante Persönlichkeit wie Diel. Praktisch im Alleingang führte Näkel das kleine Rotweingebiet Ahr seit 1984 zu nationaler und inzwischen wieder internationaler Geltung. Näkel ließ hier als erster an der Ahr Burgunder im kleinen Eichenholz-Fass ("Barrique") reifen. Perfektionistisch und mit eiserner Energie setzte er völlig neue Qualitäts-Standards. Dafür wurde er von manchen Kollegen angefeindet. Heute imitieren ihn genau diese Kollegen mühsam. Seine Rotweine sind inzwischen Legende, denn er hat den neuen Stil der gesamten Ahr vorgegeben: Die berühmte Selektion "S" ist stets ausverkauft, die großen Goldkapsel-Auslesen sind praktisch nur durch Versteigerung zu horrenden Preisen zu erwerben.

Ahr-Burgunder sind die eigenwilligsten Spätburgunder Europas, weil sie als einzige auf Schieferböden wachsen. Das gibt ihnen Fruchtaromen, die unverwechselbar sind: Himbeere, Brombeere und Johannisbeere wandeln sich im Laufe der Kellerjahre in Cassistöne. Frauen, die sonst keinen Rotwein trinken, schwärmen für Meyer-Näkel-Weine. Seine Liebe zum Frühburgunder, eine der seltensten Rebsorten in Europa überhaupt, hat neben den großen Spätburgundern weitere einzigartige Spitzenweine entstehen lassen. In Näkels Weinkeller nahe Bonn trafen (und treffen) sich Spitzenpolitiker aller Parteien: Hier philosophierte Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) über den Stierkampf, hier überraschte Angela Merkel (CDU) mit detaillierten Weinkenntnissen, hier packte der vormalige Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD) selbst geschmierte Butterbrote zur Weinprobe aus und sagte zu Näkel, dem Sohn eines früheren CDU-Bürgermeisters: "Hier, mein Jung, das ist zwar von 'nem Sozi, aber das kannst du ruhig essen."

Von Werner Näkel stammten die Rotweine, die Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident in seiner Bonner Landesvertretung ausschenken ließ. Und bei einer Weinprobe in Berlin brach Schröder kurzerhand die Verkostung ab, ließ sich eine Flasche Spätburgunder- Auslese von Meyer-Näkel kommen und trank für den Rest des Abends diesen Wein. Mancher Politiker ist längst Duzfreund von Werner Näkel. Bei einer der vielen ausgiebigen Proben mit dem früheren Verteidigungsminister und Rotwein-Fan Volker Rühe (CDU) erhob sich irgendwann Werner Näkel, prostete dem Gast zu und sagte: "Also, ich bin der Werner."

In Berlin trinkt man Meyer-Näkel bei Staatsessen. Der Winzer der Bonner Republik blieb auch der Winzer der Berliner Republik. Und hier ist er auch immer wieder persönlich präsent. Aber mehr noch: Inzwischen zeigt Näkel mit seinem berühmten südafrikanischen "Zwalu" und dem portugiesischen "Campo Ardosa", dass er auch den Bordeaux-Stil sowie andere Rotwein-Stile bis zur Perfektion beherrscht. Die erste Magnum- Flasche seines "Zwalu" konnte Näkel 1998 gleich dem damaligen südafrikanischen Staatspräsidenten Nelson Mandela persönlich in die Hand drücken. Das sind Momente, von denen deutsche Winzer träumen - auch eine Kapazität wie Armin Diel von der Nahe.

Kein Wunder, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Gault-Millau-Chefredakteur Diel und der ausgeprägten Persönlichkeit Werner Näkel kam. Diel schwört auf deutsche Rieslinge, die er selbst in vollendeter Form auf seinem Weingut macht. Und er schwört auf französische Rotweine, die er besonders gern trinkt. Also verglich er jahrelang die langsam in ihrer Qualität immer besser werdenden Deutschen mit der französischen Meisterklasse. Das Ergebnis: Die Masse der Deutschen schnitt lange schlecht ab. Die deutschen Rotwein-Stars, allen voran Meyer-Näkel, fanden das ungerecht. Es entwickelte sich zwischen einem Teil der deutschen Top-Winzer und ihrem Kollegen Diel eine herzliche Abneigung. So wurde die Geschichte des deutschen Wein-Gault-Millau auch eine Geschichte zweier prägender Männer im deutschen Weinbau - Diel und Näkel.

Dabei hatte das ständige Sticheln des Armin Diel im Endeffekt auch eine segensreiche Wirkung auf den deutschen Rotwein: Er wurde in der Spitze immer besser. In den letzten Jahren konnte sich sogar Diel nicht der Erkenntnis verschließen, dass die Top-Winzer in Deutschland in der Bewertung französische Spitzen-Burgunder eingeholt haben. Im vergangenen Jahr erhielten schließlich die Spitzenweine der deutschen Rotwein-Winzer Paul Fürst (Franken), Bernd Philippi (Pfalz) und Meyer-Näkel (Ahr) Bewertungen jenseits der magischen 90-Punkte-Grenze. Das Rotwein-Genie Paul Fürst wurde im Jahre 2003 "Winzer des Jahres".

Dass jetzt mit Werner Näkel ein Mann diesen Titel erhielt, der praktisch vom Rotwein lebt, kann man getrost als einen Durchbruch des deutschen Burgunders werten. Natürlich sind im neuen Gault Millau neben den vielen erstklassigen deutschen Weißwein-Winzern auch alle weiteren deutschen Rotwein-Größen erwähnt und beschrieben. Die Besonderheit der deutschen Spitzen-Rotweinwinzer ist, dass sie sich gegenseitig kennen und befruchten. Es ist eine freundschaftliche Konkurrenz, in der man einander trifft, gemeinsam verkostet, sogar gemeinsam Weinreisen unternimmt. Die Referenzgröße dieser Güter ist die internationale Spitze im Burgunder- Segment. Armin Diel hat Näkel im neuen Gault Millau als "Doyen des deutschen Rotwein-Wunders der 90er Jahre" bezeichnet. Das stimmt: Um Näkel kreisen viele der bedeutenden deutschen Rotwein- Winzerpersönlichkeiten, auch namhafte Stars vom Kaiserstuhl wie Joachim Heger, Wolf-Dietrich Salwey oder das Weingut Bercher.

So ist denn mit dem neuen Gault Millau Wein Guide ein Friedensschluss zwischen der mächtigen deutschen Riesling-Fraktion und den Rotwein-Winzern erreicht. Bemerkenswert ist, dass es auch zu Zeiten größter Spannungen zwischen den beiden Wein-Stars Diel und Näkel immer eine auffällige Gemeinsamkeit gab. An Christi Himmelfahrt, wenn es bei Diels Schlossgut auf Burg Layen frühlingshaft wird, gibt es seit vielen Jahren die Präsentation der eigenen Weine des Gault-Millau-Chefredakteurs. Stets hat er Wert darauf gelegt, dass auf seiner Präsentation erlesener Rieslinge und weißer Cuvées gemeinsam mit ihm immer derselbe Rotweinwinzer mit seinen Burgundern brilliert: Werner Näkel.

Am 20. Mai kommenden Jahres ist es wieder so weit. Und im Zeichen des Gault Millau Wein Guide 2004 wird die Stimmung entspannter sein als je zuvor.

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