2003 - ein Jahrhundert-Jahrgang

Ein seit dem Jahr 1540 nicht mehr gekannter Sommer mit Rekordtemperaturen jenseits von 40 Grad Celsius und einer auf das ganze Jahr verteilten Niederschlagsmenge von weniger als 350 Millimeter, setzte schon frühzeitig die Vorzeichen für einen in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Jahrgang. Nach einem recht warmen und feuchten Januar folgten drei ausgesprochen trockene Monate, in denen die Niederschläge nur etwa die Hälfte des langjährigen Mittels ausmachten. Mit Ausnahme vom Februar lagen die Temperaturen bis zum Lesebeginn Ende September stets über dem Jahresschnitt: Im Mai um zwei Grad Celsius, im Juni waren 4,5 Grad  und im August sogar 5,4 Grad. In diesem extrem warmen Monat überschritten die Temperaturen gleich an 11 Tagen in Folge die Marke von 35° Celsius und es fielen gerade einmal 27 mm Niederschlag.

Der Austrieb der Reben begann am Osterwochenende und im Verlauf des Monats Mai konnte ein enorm schnelles Blattwachstum beobachtet werden. Gottlob richtete am 31. Mai ein starkes Gewitter mit leichtem Hagelschlag nur geringe Schäden an. Die Blüte begann zehn Tage früher als üblich am 3. Juni und vollzog sich innerhalb einer Woche. Lediglich in den Jahren 1993 und 2000 konnte ein vergleichbar frühes Blüteende festgestellt werden. Zwischen dem Austrieb der Reben und dem Ende der Blüte vergingen 2003 nur 38 Tage, zehn weniger als im langjährigen Mittel. Wie üblich wurden bei der so genannten Grünen Lese Ende August unreifere Traubenteile herausgeschnitten und die Blätter auf der von der Sonne abgewandten Seite entfernt, um eine bessere Durchlüftung des Rebstockes zu ermöglichen. Vereinzelt konnten an trockenen Standorten welke Blätter und auch etwas Sonnenbrand beobachtet werden. Um ein Vertrocknen der im Frühjahr gepflanzten Rebstöcke zu verhindern, wurden die Neuanlagen regelmäßig bewässert. Der September brachte eine gewisse Normalisierung der Witterung, aber noch keine Erholung, im Oktober war es dann etwas kühler als üblich und endlich regnete es etwas mehr.

Die Ernte begann am 29. September, es ist der früheste Lesebeginn im Schlossgut Diel seit langem. Wichtig war es hierbei die physiologische Reife der Trauben abzuwarten und sich nicht nur am analytischen Mostgewicht zu orientieren. Die Burgundertrauben zeigten sich in einer nie beobachteten Vollreife ohne jeden Botrytisbefall. Die von Hand geernteten Trauben wiesen eine enorme aromatische Fülle auf bei sanfter Weinsäure. Sowohl der Weiße wie auch der Graue Burgunder wurden durchweg mit Mostgewichten um 100° Oechsle eingebracht, beim Blauen Spätburgunder waren es im Durchschnitt sogar 110 Grad. Nach der Vergärung präsentieren sich alle Burgunderweine mit großer Komplexität und Fülle, denen eine brillante Karriere als Tischbegleiter bevorsteht.  

Schon bald nach Beginn der Rieslinglese am 10. Oktober konnten Trockenbeerenauslesen in einer Qualität eingebracht werden wie seit Jahrzehnten nicht: Im Jahr 2003 wurden alle Oechsle-Rekorde der Gutsgeschichte gebrochen: Am 15. Oktober zeigte das Senklot 234° Oechsle, einen Tag danach sogar 266 Grad, jeweils für eine Trockenbeerenauslese aus dem Goldloch. Das bislang höchste Mostgewicht von 212 Grad war im Schlossgut Diel im legendären "Botrytisjahr" 1967 mit einer Riesling Trockenbeerenauslese im Pittermännchen erzielt worden. Im Unterschied dazu spielte die Botrytis Cinerea im Jahr  2003 praktisch keine Rolle: Die diesjährigen Trockenbeerenauslesen resultieren aus eingeschrumpften Rosinen, sie sind von strahlender Klarheit und weisen eine harmonische Säurestruktur auf.  

Obschon in weiten Teilen der deutschen Weinwirtschaft im Jahr 2003 allgemeine Befürchtungen die Runde machten, die 03er Weine könnten durch ein Übermaß an Alkohol und extrem niedrige Säuren geprägt sein, gilt für die Nahe das Folgende: Die kerngesunden Trauben bescherten durchweg Mostgewichte, die zwar deutlich über dem Durchschnitt lagen, aber in keiner Weise die Tendenz Richtung "Alkoholgranaten" aufwiesen. Das Qualitätsniveau des Rieslings ist in jeder Hinsicht bemerkenswert, was sowohl für die trockenen Grossen Gewächse, die feinnervigen Spätlesen als auch die edelsüßen Auslesen gilt. Die Säurewerte lagen im Moststadium zwischen 7,5 und 8,5 Promille und damit weit über den Werten, die man aus historisch vergleichbaren Jahrgängen wie etwa 1959, 1971 und 1976 kennt. Mit etwas Abstand betrachtet kommt man deshalb nicht umhin, den Jahrgang 2003 als wirklichen Jahrhundert-Jahrgang zu bezeichnen.

Traditionsgemäß bildete die Eisweinlese den Abschluss der Ernte 2003: In den frühen Morgenstunden des 9. und 10.  Dezember konnten bei Temperaturen zwischen minus 7 und 9° Celsius in den Lagen Burgberg, Goldloch und Pittermännchen hart gefrorene Rieslingtrauben gerrntet werden, die ein Mostgewicht zwischen 130 und 148 Grad Oechsle aufwiesen. Aufgrund des hohen Reifegrades der Trauben liegen die Säurewerten diesmal bei acht bis zehn Promille und damit für Eisweine eher im harmonischen Bereich. Um so mehr empfehlen sich diese saftigen Eisweine als ideale Begleiter zur Terrine von Gänsestopfleber und edlen Desserts. 

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